Einblick in den Roman

Auszug aus dem Kapitel 21 The Fabulous Antichrist-Mess-Show – Teil 3

Der Tragödie dritter Akt

Erst als ich sah, dass das Feuer unter Kontrolle war, konnte auch ich die Kirche verlassen. Mir zitterten ganz schön die Knie. Doch bevor ich rausging, zupfte mich etwas am Ärmel. Irritiert drehte ich mich um. Dann entdeckte ich den Pfarrer, der in einer Kirchenbank kauerte. Der Zustand seines Gewandes war erbärmlich. Hinten klaffte ein großes Loch und man sah seinen Po. Besser gesagt seine Unterhose, und die war nicht auf dem aktuellsten modischen Stand. Kein Wunder, dass sich der arme Kerl hier versteckte.

„Danke!“, flüsterte er. Ich nickte ihm zu. Wusste aber gleichzeitig, dass das ohne uns gar nicht erst passiert wäre.

„Geht‘s denn einigermaßen?“, fragte ich und wollte ihm aufhelfen. Aber er schüttelte den Kopf und zeigte auf die kaputte Kutte. Ich widerstand dem Impuls mich zu entschuldigen. Denn wofür? Dass meine Kinder wilderen Kalibers waren? Dass wir sie nicht „im Griff“ hatten? Dass die katholische Kirche so leicht brennbare Textilien benutzte? Dass irgendwer die blöde Idee gehabt hatte, Kerzen und Stroh dicht nebeneinander zu parken? Dass wir keine Kirchensteuer zahlten? Ich setzte mich neben ihn auf die Bank.

„Haben Sie sich wehgetan?“ Naja, dafür, dass ich ihn zu Boden gestoßen hatte, konnte ich mich ja schon entschuldigen. Er schüttelte den Kopf. Dann streckte ich ihm die Hand hin. Er nahm sie und schlug kurz ein.

„Das tut mir leid“, sagte ich und zeigte überflüssigerweise auf den Schlamassel. Plötzlich schien es ihm egal zu sein, auf seinem fast blanken Po zu sitzen, denn er setzte sich neben mich.

„Ja. Schade um die Mette“, sagte er traurig. Jetzt machte sich doch ein ganz schön schlechtes Gewissen in mir breit.

„Wir wollten eigentlich hinten bleiben, weil wir nicht so kirchenerfahren sind, aber meine Exschwiegermutter und mein Exmann …“

Er winkte ab. „Das muss ein Gottesdienst aushalten. War es denn bis dahin einigermaßen gut?“

Oh je. Das fragte er mich. Ich blies die Backen auf und sah ihn hilflos an, während ich geräuschvoll die Luft rausließ. Sein Blick war leicht irritiert.

„Ich, äh, naja, man hat Sie hier vorne überhaupt nicht verstanden.“

Er nickte wieder nur traurig. „Das ist kein Beruf für mich“, sagte er schließlich.

Bitte was? Er war mindestens Ende fünfzig. Das fiel ihm aber früh ein.

„Mein Bruder hat das schon immer gesagt. Aber ich dachte, wenn ich Gott näher sein kann, dann so.“

„Und?“

„Stimmt gar nicht.“ Und dann fing er an zu lachen. So herzlich, sympathisch und ansteckend, dass ich gar nicht anders konnte als mitzulachen. Da saßen wir nun, Bille, die noch nie Kirchensteuer gezahlt hatte, und der angekokelte Pfarrer vor dem verbrannten Krippenspiel und wir lachten, dass die Bäuche wackelten.

„Danke!“, sagte er, als wir uns schließlich beruhigt hatten.

„Wofür?“

„Dass ich mir das endlich eingestehen kann. Gott finde ich woanders.“ Aufatmend lehnte er sich zurück. Ähm, schön. Aber was war mit den anderen Menschen, die ihren Gott hier in der Kirche fanden?

„Gott ist nicht nur in der Kirche. Er ist überall!“ Theatralisch warf er die Arme in die Luft.

„Und was machen Sie jetzt?“

„Ich weiß nicht, ich bin ja noch jung. Vielleicht werde ich meinen Bruder in Ostfriesland besuchen. Vielleicht engagiere ich mich stärker im Kinderhospiz, dafür hatte ich ohnehin bisher nicht genug Zeit. Vielleicht mache ich eine Weltreise. Aber auf jeden Fall werde ich Renate heiraten und indische Laufenten züchten!“

Oha! Es wurde Zeit zu gehen, ich gedachte nicht, dem Pfarrer jetzt eine Beichte abzunehmen.

„Viel Glück und alles Gute!“, wünschte ich ihm und stand schnell auf.

„Ihnen auch. Frohe Weihnachten!“, rief er mir nach.

Ein wenig verwirrt verließ ich die Kirche, um die Zwillinge einzusammeln. Kalte Abendluft schlug mir ins Gesicht und jetzt erst, als es vorbei war, bemerkte ich den beißenden Gestank, den ich an meiner Kleidung mit hinausnahm. Die Feuerwehr packte ihren Kram gerade ein, die Polizei hatte den ganzen Kirchvorplatz abgeriegelt. Blinkende Blaulichter stahlen der Weihnachtsbeleuchtung die Schau. Was für ein Tag, dieser vierundzwanzigste Dezember. In einem bescheuerten Auto gefahren, ein Krippenspiel in Brand gesetzt, einen Pfarrer erst entflammt, dann gerettet. Konnte da noch was nachkommen? Konnte:

„Die da! Die ist schuld!“, hörte ich es aufgeregt rufen. Ehe ich es mich versah, war ich umringt von Spielplatzmüttern, Krabbelgruppenvätern und Kitakindereltern. Alle starrten mich feindselig an. Allen voran Miaschatz‘ Mutter. Die Polizei nahm gerade Personalien auf und – klar – weil alle auf mich zeigten, stiefelte der Marshal direkt auf mich zu.

„M’am …?“, begann er.

„Mrs. Shmalenbörg“, antwortete ich mit einem Lächeln und breitestem, texanischen Akzent. Er lächelte zurück und schob den Marshalhut verlegen nach hinten.

„Stimmt es, dass Sie auf den Pfarrer geschossen haben?“

„Ja, Sir, das stimmt!“

„Und weshalb, wenn ich fragen darf?“

„Er hat das Amen vergessen, Sir.“

„Verstehe.“ Der Marshal nickte und dachte ein wenig nach. „Nun, in diesem Fall wünsche ich Ihnen schöne Weihnachten, Mrs. …“

„Shmalenbörg. Danke, Ihnen auch.“

„Ob Sie sich ausweisen können?“ Äh, was? Ich starrte den Polizisten an, der Cowboyhut war verschwunden. Stattdessen zierte eine Polizeimütze seinen Kopf. Was wollte der? Ach ja, Personalien. Schon das zweite Mal in diesem Monat. Ich fummelte meinen verbogenen Ausweis aus dem Geldbeutel und hielt ihn dem Ordnungshüter unter die Nase. Er notierte sich die Daten und gab ihn mir zurück. Kurzer Lagebericht. Kinder gestritten, Kerze umgefallen, Pfarrer gebrannt. Schöne Weihnachten, danke ebenso. Arne und Gerlinde hatten es plötzlich sehr eilig und marschierten im Stechschritt voraus.

Ich sah dem Polizisten nach, wie er zum Mob zurückkehrte und dort in aller Seelenruhe begann, die Daten der vielen Zeugen einzusammeln. Das würde dauern. Der Mob hatte uns beschuldigt, deshalb hatte der Oberdatensammler mit uns angefangen. Fein, somit waren wir fertig und konnten Weihnachten feiern. Ich wandte mich zum Gehen, nahm die Zwillinge an die Hand und langsam und gemütlich schlenderten wir Richtung Arnes Wohnung. Ohne mich umzudrehen, winkte ich den armen Familien zu, die warten mussten, bis der Polizist ihre Personalien aufgenommen hatte. Das war doch mal was. Irgendwelche Kurse hier in der Gegend konnte ich demnächst allerdings getrost bleiben lassen, so schnell wuchs hier bestimmt kein Gras über die Sache. Egal. Auf zur nächsten Etappe!

Der Rest des Heiligabends war so schnell erzählt, wie er unspektakulär war. Als der Truthahn und seine Beilagen endlich da waren, begab sich der vierundzwanzigste Dezember endlich in die ihm vorbestimmten Bahnen. Nach dem Essen ertönte das silberhelle Glöckchen, das natürlich Gerlinde schlug und die Kinder stürmten mit Getöse ins Wohnzimmer. Arne legte eine CD mit Weihnachtsliedern ein, wir umstanden den Baum und sangen und staunten. Arne hatte sich wieder mal selbst übertroffen. Er war ja kein kreativer Typ, aber das Baumschmücken war seine Domäne. Schon immer gewesen. Die Wunderkerzen brannten britzelnd ab und die Kinder starrten mit offenen Mündern auf die Funken, die sich in den Christbaumkugeln spiegelten. Gerlinde sang übrigens nicht. Sie überwachte uns andere, damit sich niemand beim Singen und Staunen aus der Affäre zog. Wie üblich gab es kein Fitzelchen rot am Baum. Silbernes Lametta, goldene Kugeln und echte Kerzen, die wohl auch golden sein sollten, es aber nur bis schmutzig gelb geschafft hatten. Auch nix Spektakuläres, nur so wie immer. Ich kam mir ein wenig seltsam vor, als sei ich keine geschiedene Frau. Als hätte ich nicht vor einem Jahr vor genau dem gleichen Baum nur in meiner Wohnung gestanden, Gerlinde ertragen müssen und gefühlt alle zwei Minuten zum Heulen rausgehen müssen. Damals befand sich die Trennung für mich noch in der Phase des „Nichtakzeptierenkönnens“. Fast war das hier wie ein Flashback. Dass man so etwas trotzdem überlebte! Dass man trotzdem ein ganzes Jahr lang durchhielt, weitermachte und dann tatsächlich wieder hier stand. Das grenzte schon an ein Wunder, weil ich letztes Jahr um diese Zeit öfter mal gedacht hatte, wenn ich die Zwillinge nicht hätte, wer weiß, ob es mich dann ins neue Jahr rüber brächte. Ich merkte, dass ich Gefahr lief, trübsinnig zu werden.

Als ich von draußen wieder reinkam, hoffte ich, dass ich keine Heulspuren im Gesicht trug. Das blieb das einzige Mal heute Abend, schwor ich mir. Das einzige!

Und so war es dann auch. Die Kinder packten die Geschenke aus und waren mit Robotern, Barbiegedöns und verschiedenen Disneydevotionalien so glücklich, dass ich mich in den Sessel fläzte und mich weiter meinem Betrinken widmete. Es würde vorübergehen und nächstes Jahr würde ich das nicht mehr mitmachen, nahm ich mir fest vor.

Ende dritter und letzter Akt

Schreibe einen Kommentar